Aktuelles
Autorenlesung zum Auftakt 2011
Weiße Rosen für den Löwen - unter diesem (Buch-)Titel fand am Sonntag, den 20. März 2011 im Saal der Burg Dinklage eine Autorenlesung statt. Das Autorenduo Verona Marliani-Eyll und Markus Trautmann war der Einladung der Kardinal von Galen Stitung | Burg Dinklage gefolgt, ihr spannendes Jugendbuch am Geburtsort des Kardinals vorzustellen. Das zahlreiche Publikum konnte sich so im Umfeld des Gedenktages des Kardinals (am 22. März jährt sich sein Todestag das 65. Mal) mit in die Geschichte einer Gruppe von Jugendlichen hineinnehmen lassen, in der der Brückenschlag zwischen dem Erbe der Vergangenheit und unserer heutigen Zeit gelingt.
Für die Stiftung war diese erste öffentliche Einladung der gelungene Auftakt für weitere Veranstaltungen und eine Ermutigung für das zukünftige Wirken.
Falls Sie neugierig auf das Buch sind:
1) im Klosterladen Burg Dinklage ist es erhältlich
2) es gibt eine eigene Website dazu: www.wie-ein-loewe.de
3) Ein paar Auzüge zum Reinschnuppern:
1. Kapitel
“wer hat sich mal informiert,
was ‘oral. Ms!.History‘ bedeutet?‘
Mit flottem Schritt kam Wolfgang Hübner in den Klassenraum. Er schloss die Tür hinter sich, blieb dann aber kurz stehen. So war es jedes Mal: Für einen Moment ließ er den Blick durch den Raum schweifen, bevor er zum Pult hinüber ging.
Die 10b war „seine“ Klasse, auch wenn er nicht ihr Klassenlehrer war. Seit dem 5. Schuljahr unterrichtete er fast in jedem Halbjahr hier, zunächst Deutsch, seit einem Jahr Geschichte. Hübner war also ein alter Bekannter. Das wochenlange Beschnuppern und Austesten zwischen Lehrer und Schülern, wie es nach den Sommerferien üblich ist, wenn ein „Neuer“ den Unterricht aufnimmt, war hier nicht nötig. Trotzdem war natürlich alles ganz anders als vor den Sommerferien. Das ganze Gebäude wirkte blitzblank. Hübner rechnete kurz nach: Jetzt war Mitte September, es waren also schon vier Wochen seit Schuljahresbeginn vergangen. Aber noch immer roch es nach frischer Farbe. Erst vergangene Woche waren die letzten Handwerker abgezogen. Vorgestern hatte der Hausmeister höchstpersönlich die neuen Lamellenjalousien aufgehängt. „Eine muss noch umgearbeitet werden“, hatte Haumeister Schmidt eben auf dem Flur Hübner erklärt. So war Schmidt: eifrig und korrekt — und sehr wichtig. Seit dem Umzug ins neue Schulgebäude schien Schmidt noch ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Wie hatten alle der alten Schule in der Innenstadt nachgetrauert! Selbst hart gesottene Schüler wie Tobias waren am Ende ganz wehmütig geworden. „Hier wird ein Stück Kindheit begraben“, hatte Tobias feierlich am letzten Schultag vor den Ferien erklärt. An der Stelle der begrabenen Kindheit klaffte schon in der dritten Ferienwoche eine mächtige Baugrube, jetzt wuchs hier die neue Einkaufspassage empor. Besonders der Verzicht auf den angrenzenden Eichenpark wurde allgemein bedauert. Generationen von Schülern hatten unter den gewaltigen Baumriesen die Pausen verbracht. In der ganzen Stadt sprach man nur von der „Eichenpark-Schule“. Einen offiziellen Namen gab es nie, aber das würde sich ja vielleicht bald ändern.
[...]
Nun kam das bekannte Ritual, das manche Schüler zunehmend wurmte, das Hübner aber seit der 5 Klasse einfach beibehalten hatte: die Begrüßung. Hübner wartete einige Augenblicke, bis Stille eingekehrt war. Dann sagte er: „Ich wünsche uns einen Guten Morgen!“
„Guten Morgen, Herr Hübner“, antwortete die Klasse etwas träge im Chor. Hübner sprach merkwürdig sanft und langsam, was eigentlich zu seinem flotten Gang und schwungvollen Bewegungen nicht zu passen schien.
„Nehmt bitte Platz!“ Auch das war typisch Hübner: immer höflich; „old school“ hatte Lena das einmal genannt. „Setzt euch!“, hatten die anderen Lehrer früher einfach gesagt, wenn überhaupt. Alle setzten sich, auch Hübner nahm am Pult Platz. Vorher stellte er seine Aktentasche unter das Pult und hängte sein Jackett über die Stuhllehne.
„Ich wollte ja heute mit euch die Einzelheiten zu unserem Interview-Projekt besprechen“, begann er. „Wer hat sich mal informiert, was ‚oral history‘ bedeutet?“ Wenn Hübner englische Worte aussprach, klang das irgendwie schüchtern. Dabei bemühte er sich um eine amerikanische Aussprache.
„Olle Hysterie?“, hatte Jule letzte Woche laut in die Klasse hineingerufen, und Hübner hatte ganz verlegen geguckt.
„Nun, was meint der Begriff?“, fragte Hübner. Schweigen. Schließlich meldete sich Lena: „Mündliche Überlieferung“.
„Genau!“, nickte Hübner. „Und wer kann das näher erläutern?“
„Ich hab da mal im Internet nachgeschaut“, meldete sich Tina und faltete ein Blatt auseinander.
„Prima!“, sagte Hübner. „Lass hören.“ Tina strich das Blatt gerade und las ihren Internetausdruck vor. „Oral history ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die auf der Befragung von Zeitzeugen basiert. Dabei sollen die Zeitzeugen möglichst wenig vom Historiker beeinflusst werden. Nicht nur, aber gerade Personen aus der Unterschicht sollen auf diese Weise ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt darstellen können.“ Tina blickte auf.
„Das war‘s?“, fragte Hübner Sie nickte. „Gut“, meinte Hübner und stand auf. Er schrieb mit großen Buchstaben ORAL HISTORY auf die Tafel und klopfte mit dem Zeigefinger daneben. „Das ist für die nächsten Wochen unser Thema.“
„Sind wir etwa aus der Unterschicht?“, fragte Tobias mit gespielter Empörung. Ein paar Lacher blieben verhalten.
„Wäre das schlimm?“, fragte Hübner lächelnd. Dann führ er fort: „Nein, im Ernst. Ihr sollt euch auf die Suche nach Zeitzeugen machen und sie befragen.“
Sein Blick wanderte durch die Klasse. „Ihr wisst, dass in diesem Halbjahr das Dritte Reich auf dem Lehrplan steht.“ Hübner schaute jetzt zum Fenster.
„Es gibt viele Quellen aus dem Dritten Reich, aus denen die Geschichtsforscher schöpfen können. Welche sind das beispielsweise? Tina?“
„Etwa Urkunden und Akten von Behörden.“
„Gut. Was noch?“
Timo meldete sich: „Alte Filme oder Wochenschauberichte.“
„Richtig.“
Hendrik zeigte auf: „Alte Briefe oder Tagebücher.“
„Sehr gut!“, sagte Hübner. „Alles gute Beispiele. Aber warum muss man mit diesen Informationsquellen kritisch umgehen?“
„Weil sie gefälscht sein könnten!“, meinte Tobias.
„Oder weil sie nur die Sichtweise der Machthaber ausdrücken“, ergänzte Martin.
„Und als Kritiker des Regimes konnte man kaum frei in Briefen schreiben, was man dachte“, sagte Tina.
„Gut auf den Punkt gebracht“, lobte Hübner. „Deshalb will ‚oral history‘ eine Ergänzung der vorhandenen Geschichtsquellen sein. Für euch heißt das, dass ihr in der nächsten Zeit Menschen interviewen sollt, die aus eigener Anschauung erzählen sollen, was sie noch aus dem Dritten Reich wissen. Oder noch besser: Was sie selbst erlebt haben.“
„Dann müssen wir uns aber beeilen“, grinste Jule. „Die sind doch schon bald hundert.“
Hübner blieb ernst. „Na ja, nicht ganz. Aber um die achtzig und älter sind die Herrschaften schon, denen ihr einen Besuch abstatten werdet.“
„Mich ziehen keine zehn Pferde in so eine Knacker-Absteige!“, rief Jule.
„Knacker-Absteige?“, fragte Hübner.
„Na ja, ich meine ...“, druckste Jule herum. „Ich meine Altenheime. Ich gehe halt nicht so gern in Altenheime.“
„Dann könntest du ja einen alten Menschen zu dir nach Hause einladen“, entgegnete Hübner. Seine Stimme klang plötzlich zornig, auch wenn er weiter ruhig und leise sprach. Dann wandte er sich wieder der Klasse zu. „Ihr werdet tatsächlich mit dem einen oder anderen alten Menschen Kontakt aufnehmen und einen oder mehrere Gesprächstermine ansetzen“, erklärte Hübner. „Je nachdem, wie auskunftsfreudig euer Gesprächspartner ist.“
„Und worüber sollen wir sprechen?“, fragte Timo. Hübner lächelte: „Ihr sollt vor allem zuhören und die alten Leute erzählen lassen“, meinte er.
„Na gut“, sagte Timo, „aber worüber werden die denn sprechen?“
„Ich habe schon einige Themen zusammengestellt und einige alte Leute angefragt, ob sie als Zeitzeugen Auskunft geben.“
„Also dürfen wir die Themen nicht selbst aussuchen?“, erkundigte sich Tobias.
„Doch, auch“, meinte Hübner „Wer eigene Ideen hat und auch passende Zeitzeugen findet, kann sich mit mir besprechen und dann seine Interviewaktion mit seinem eigenen Thema durchziehen.“ Sofort steckten Tobias und Hendrik die Köpfe zusammen und beratschlagten. „Hey, entspannt euch!“,rief Hübner fröhlich in ihre Richtung. „Hört doch erst mal zu, was ich so im Angebot habe.“ Alle in der Klasse waren plötzlich ganz aufmerksam, als ob Noten verlesen würden. Hübner setzte sich wieder ans Pult, holte einen Schnellhefter aus der Aktentasche und schlug ihn auf.
„Da ist unser Kandidat Nummer eins“, fing Hübner an. „Ein älterer Herr,der vom Leben bei der Hitleijugend und beim Arbeitsdienst erzählen könnte.“ Er machte eine kurze Pause. „Dann haben wir hier einen weiteren alten Herrn. Der war fünf Jahre Soldat, Ostfront.“
"Jeder Schuss ein Russ!“, rief Tobias in die Klasse. Seine Tonlage sollte wohl an Adolf Hitler erinnern.
„Sehr witzig“, entgegnete Martin und schaute mit bösem Blick zu Tobias herüber. „Hast du einen Clown gefrühstückt?“
Martin und Tobias waren Rivalen. Erst vor kurzem, in der ersten Woche nach Schulbeginn, hatte Martin bei der Klassensprecherwahl Tobias knapp hinter sich gelassen. Die gesamten letzten zwei Jahre war Tobias Klassensprecher gewesen. Obwohl er dieses Amt nicht mehr hatte, blieb er weiter so eine Art Wortführer. Besonders Jule, Tina und Hendrik hingen wie Kletten an Tobias. Alle vier vergötterten Herrn Eckhart, Hübners Kollegen. Herr Eckhart unterrichtete Sport und Biologie. Die anderen Schüler sprachen immer von den „Eckhart-Jüngern“, wenn sie Tobias, Jule, Tina und Hendrik meinten. Gerade gegenüber Herrn Hübner ließen die „Eckhart-Jünger“ kaum eine Gelegenheit aus, von ihrem Idol zu schwärmen. Hübner konnte damit leben. Ein bisschen ärgerte ihn aber, dass seit neuestem auch von einer „Hübner-Gruppe" gesprochen wurde. Damit waren Martin, seine Freundin Lena und Timo gemeint. Und offenbar wurden auch zwei Jugendliche aus der 9.Klasse zur „Hübner-Gruppe“ gezählt, nämlich Jakob und Katharina. Katharina war Martins Schwester.
Hübner wartete auf eine Reaktion von Tobias, aber Tobias ignorierte Martins Bemerkung und schaute jetzt vor sich auf den Tisch. Auch Hübner tat so, habe er nichts gehört. „Weiter geht‘s mit einer älteren Dame. Sie hat als Kind die Luftangriffe erlebt und war drei Tage in einem verschütteten Keller eingeschlossen."
„Im Dunkeln ist gut munkeln“ kam es wieder von Tobias.
„Tobi“, zischte Lena, „du bist einfach nur peinlich.“ Martin musste lächeln. Sonst, in Gesprächen, war seine Freundin so zurückhaltend. Aber wenn sie spontan reagierte, konnte Lena richtig giftig werden.
„Unser vierter Kandidat kann darüber berichten, dass seine Eltern einen Betrieb hatten, wo mehrere Fremdarbeiter beschäftigt waren.“ Hübner schien einen Augenblick zu warten, ob von Tobias wieder ein Kommentar kam. Doch Tobias schwieg. „Dann haben wir eine Seniorin, die sich im Dritten Reich in einer Jugendgruppe ihrer Kirchengemeinde engagierte. Sie hatte deshalb einige Male mit der Gestapo zu tun.“ Hübner war wieder aufgestanden. „Und schließlich haben wir hier die Frau Obermayer. Sie stammt ursprünglich aus Ulm und hatte als Schülerin Kontakt zur Familie der Geschwister Scholl.“
„Muss man die kennen?“, fragte Tina.
„Frau Obermayer muss man nicht kennen“, antwortete Hübner ironisch,„die Geschwister Scholl eigentlich wohl“. Er machte eine kurze Pause. „Die Geschwister Scholl haben mit einigen anderen Studenten die ‚Weiße Rose‘gegründet. — Weiß jemand etwas Genaueres über die ‚Weiße Rose?‘ Martin?“
Martin blickte überrascht auf. „Die Weiße Rose verbreitete ab 1942 in München Flugblätter, in denen sie zum Widerstand gegen die Nazis aufrief“, sagte Martin.
„Schleimer!“ kam es aus der Ecke von Tobias.
Hübner schloss den Schnellhefter. „Ich habe mit allen Genannten gesprochen. Sie freuen sich, wenn eine Gruppe von euch zu ihnen geht.“
„Wieso Gruppe?“, fragte Timo.
„Ach ja, das habe ich ja noch gar nicht gesagt“, meinte Hübner. „Ihr könnt euch zusammentun, aber nicht mehr als vier Leute pro Gruppe. Nach dem Interview kann dann jeder für sich zu einem bestimmten Themenbereich aus dem Interview ein eigenes Referat schreiben, Umfang vier Seiten.“ Hübner schaute in die Runde. „Noch Fragen?“
„Nö“, machte Tina.
„Dann einigt euch, wer in welche Gruppe geht und welches Thema die Gruppe bearbeitet, also welchen Zeitzeugen sie besucht. Sagt mir nächste Stunde Bescheid.“
Jetzt zeigte doch noch jemand auf. „Wie lange haben wir Zeit für die Interviews?“, wollte Hendrik wissen.
„Die ganze Aktion sollte Mitte Oktober abgeschlossen sein“, antwortete Hübner „Ihr könnt ja die Herbstferien auch dafür verwenden“, meinte er und lächelte.
„Von wegen!“, protestierte Tobias. „In den Herbstferien ist ein Segeltörn angesagt. Den bietet doch Eckhart für die Sport-AG an.“
„War ja nicht ganz ernst gemeint“, beschwichtigte Hübner. „Und jetzt schlagt bitte die Bücher auf, wir machen mit dem Kapitel ‚Hitlers Außenpolitik‘ weiter.
22. Kapitel
Ein Schulname soll verbinden,
nicht spalten.
[...] „Wer sich am Rosenmontag hinter der Maskerade der Einbrecher verbarg,wissen wir natürlich nicht genau“, antwortete der Bürgermeister. „Noch nicht. Aber dass hier symbolisch ein Signal gegen das Ausstellungsprojekt und gegen Sie als Initiator gesetzt werden sollte, ist sehr eindeutig. Und bloßer Vandalismus, also die pure Zerstörungswut, hätte alles kurz und klein geschlagen und nicht all die anderen Vitrinen geschont.“
„Wolfgang, so abstoßend das Vorgehen der Einbrecher ist: Wir wollen nichts entschuldigen. Aber wir wollen verstehen!“
„Aha! Verstehe“, meinte Hübner ironisch.
„Und ein Schlüssel zum Verstehen dieser Vorgänge liegt in der Tatsache, dass es sehr viele Menschen im Umfeld der Schule und darüber hinaus gibt, die mit deinem Engagement nicht in allen Punkten einverstanden sind.“
Hübner wusste genau, worauf Mühlheimer hinaus wollte, aber er wollte ihn noch ein wenig zappeln lassen.
„Habe ich Kinder verprügelt?“, fragte er mit harmloser Miene.
„Wolfgang, bitte! Es geht nicht um dich als Schulpädagogen. Es geht eher um ... äh, um dein außerschulisches Engagement.“
„So. Außerschulisches Engagement“, wiederholte Hübner.
„Das ja bis in die Kommunalpolitik seine Kreise zieht“, ergänzte der Bürgermeister. „Dass wir uns nicht missverstehen, Herr Hübner. Wir können und wollen ilmen moralisch nicht das Geringste vorwerfen. Ich sage hier dasselbe, was ich auch schon in anderer Runde gesagt habe ...“
„In anderer Runde?“, wunderte sich Hübner.
„Ja, äh ... dass Sie ... Also, Sie hatten den ausdrücklichen Auftrag und Sie haben diesen Auftrag mit viel Sachkenntnis und Engagement verfolgt, nämlich ... äh..." Bürgermeister Holtkamp hatte in seiner nur schlecht überspielten Aufregung den Faden verloren.
"... nämlich mit der Stadtgeschichtlichen Arbeitsgruppe einen Vorschlag für die mögliche Umbenennung der Eichenpark-Schule zu erarbeiten“, half ihm Hübner auf die Sprünge.
„Genau!“ Der Bürgermeister seufzte erleichtert. „Ich will dabei überhaupt nicht ausschließen, dass es eine breite Mehrheit für August Clemens von Galen geben würde, meinetwegen eine schweigende Mehrheit“, meinte Holtkamp in großzügigem Tonfall.
„Clemens August von Galen. Nicht August Clemens“, verbesserte Mühlheimer. „Genau! Meine Zustimmung hätten Sie sicher bekommen. Das heißt Ihr Vorschlag hätte die Zustimmung bekommen.“ Der Bürgermeister drehte sich auf seinem Bürostuhl von Hübner und Mühlheimer weg und sprach in Richtung Fenster. Draußen dämmerte es bereits, Nieselregen legte sich als feiner Schleier von außen an die Scheibe. „Aber es geht bei einer so delikaten Angelegenheit wie ein neuer Schulname nicht um die bloße Mehrheit oder gar um eine Kampfabstinimung.“
Jetzt meldete sich Mühlheimer wieder zu Wort: „Ein Schulname soll verbinden, nicht spalten.“ Er schwieg einen Moment. Dann fuhr er fort: „Wolfgang, auch mir ist nicht im Einzelnen klar, was die Argumente gegen Galen als Schulpatron sein könnten. Jedenfalls würden sie mich kaum überzeugen.“
Hübner wusste, dass der Schulleiter es ehrlich so meinte. „Galen ist offenbar eine Symbolfigur für ein Weltbild, auf das viele Menschen heute aggressiv reagieren“, fuhr Mühlheimer fort. „Mit deinem Engagement für Galen hast du in ein Wespennest gestochen. Aber ich habe dein Engagement in dieser Sache wirklich bewundert und auch das eine oder andere Mal vor Kollegen verteidigt. Jch brauche wohl keinen Namen zu nennen. Jedenfalls habe selbst ich dabei nicht bemerkt, dass wohl der Bogen überspannt worden ist.“ — Er lächelte angestrengt. „Um es mit einem Bild zu sagen: Du hast für Galen so geglüht, dass er jetzt verbrannt ist.“
In diesem Augenblick merkten sie erst, dass Frau Hermann schon einen Augenblick lang den Kopf durch die Tür steckte. „Reicht der Kaffee?“, fragte sie. Holtkamp drehte sich auf dem Stuhl wieder vom Fenster ab und wandte sich seinen Gesprächspartnern zu.
„Danke, Frau Hermann. Wir haben noch!“, antwortete er, und Frau Hermann schloss wieder lautlos die Tür. Hübner wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu argumentieren. Dennoch nahm er noch einen Anlauf.
„Das Lebensmotto Galens lautete Nec laudibus — nec timore.“
„Weder Lob noch Furcht“, nickte Mühlheimer bestätigend.
„Eben!“, rief Hübner. „Weder Schmeicheleien noch Einschüchterungen sollten ihn manipulieren. Und wir? Wir kapitulieren vor Vandalen? Wir lassen uns von Chaoten einschüchtern. Ist es so?“
Was andere meinen auch zu meinen, ist nicht schwer. Nur immer anders als die anderen meinen, auch nicht sehr.
Weißt Du aus eigener Kraft, mit mutig stillem Wagen dort ehrlich ja, hier ehrlich nein zu sagen, gleich ob Dich alle loben oder keiner, dann bist Du einer.
Inschrift am Rathaus Ingolstadt